Anya Janssen malt Menschen, Personen, ihre Auren, ihre Geschichten. Das, was jene umgibt. Sie findet in diesen
Verbindungen eine Essenz, die sie auf die Leinwand bringt. Sie ist fasziniert von Menschen, die scheinbar an
einer Schwelle stehen; in ihrem Denken, ihrem Leben und ihren Emotionen.
Janssen arbeitet mit Musen. Der Begriff der Muse hat in der Kunstgeschichte eine lange Tradition. Häufig ist
dieser mit einem idealisierten, passiven Bild der Frau verbunden, die als Inspirationsquelle für den männlichen
Künstler diente. Doch trägt das Wort Muse im Ursprung den Atem sehr alter Zeiten mit sich. Es stammt aus dem
Griechischen: mo?sa, und bezeichnete ursprünglich kein Modell, kein stilles Gegenüber, sondern eine Göttin des
Klanges, des Wissens, des Erinnerns. So arbeitet Anya Janssen mit ihren Musen im herkömmlichen Sinne des
Wortes. In ihren neuesten Werken arbeitet sie eng mit der Performerin Britt Liberg zusammen.
Britt Liberg ist Tänzerin, Performerin, eine Stimme und ein Körper, der in der Bewegung verrät, dass wirkliche
Präsenz sichtbar gemacht werden kann. Libergs Bewegungen sind ein Flüstern und eine Botschaft. Leise, sanft,
laut und deutlich zugleich. Ihr Tanz ist immer die Aussage eines Moments: spontan, individuell, die Seele
entblößend. Er ist der intuitive Umgang mit Raum und Zeit, der durch die Performance einen Grund erlangt. Und
gleichzeitig ist ihr Tanz eine Gegenhaltung zur überschwemmten, bildüberfluteten und unklaren Welt des
allumgebenden Digitalen. Ihre Perfomances stoßen Gedanken an, zeigen und geben einen Rhythmus, einen
Funken, der ein Stück vom Chaos ordnet und die Betrachtenden erleben lässt, dass das Jetzt ein Ort ist.
Anya Janssen malt in ihren neuen Gemälden Portraits, die auf einer Perfomance von Britt Liberg beruhen, die sie
für die Malerin und die Zusammenarbeit mit ihr entwickelt hat. Doch es geht Janssen nicht um die Nachahmung
von Bewegung, sondern um das Wesen des Ausdrucks. Sie sind ein Echo des Intimen, wie ein in Stille vollzogenes
Ritual, das die Inbrunst des Geborgenen, Persönlichen und Ursprünglichen, wie eine Spur der Bewegung,
nachhallen lässt. Dabei fängt sie stets auch Transformationen ein und erweitert diese durch Farbe. Teilweise
werden Farben eingesetzt, die im Dunkeln leuchten. Durch die Malweise wirken die Portraitierten immer wie in
einem Übergang. Nicht gefangen, sondern gehalten. Anya Janssens Gemälde erkunden die Skala zwischen
Anwesenheit und Abwesenheit, Präsenz und Reminiszenz, Bewegung und Stille. Sie sind Widerhall und Nachhall
und fangen mehrere Zeitlichkeiten in einem Bild ein.
Sie sind das, was da ist und das, was danach bleibt, wenn jemand einen Raum mit Anwesenheit gefüllt hat.
Denn auch Absenz hinterlässt das Gefühl einer Präsenz. Ein sichtbares Loch in der Luft, das eben noch gefüllt
war mit Leben. Die Muse denkt, sinniert, erinnert; sie gibt Bedeutung. Es ist nicht das Schöne, um das es geht
und das betrachtet wird, sondern der Impuls zur Erkenntnis, die innere Erschütterung, in der sich das Bild ergibt.
Die leichte elektrische Schwingung zwischen Welt und Bewusstsein.
Anya Janssen hält in ihrer neuen Werkreihe die Fluidität des Lebens fest, die sich in der Unberechenbarkeit der
Aquarell- in Dialog mit Ölmalerei widerspiegelt. Die subtile, unkontrollierbare Strömung in den Bildern, zeigt ein
Vergehen der Figuren, schwebend zwischen Traum und Wirklichkeit. Aus dieser Stimmung heraus, entsteht ein
tiefes Gefühl von Sehnsucht. Ein Wort, das es nur im Deutschen gibt. Es ist das Sehnen nach etwas, dass wir uns
wünschen, etwas, das einmal da war und jetzt nicht mehr, oder sogar etwas, das nie da war oder unmöglich ist.
Sehnen verbindet das Gefühl von Begehren und Wollen und Lieben, mit dem der Ausweglosigkeit. Hoffen und
Aufgeben reichen sich die Hand und verbinden sich in einem Drang. Denn Sehnsucht ist der Ort dazwischen. Sie
wohnt inmitten der Amibivalenz. Und Sehnsucht ist Intensität. Weil sie uns unsere Machtlosigkeit, unsere
Vergänglichkeit und unsere Sterblichkeit auf bittersüße Weise erklärt. Sie erklärt uns eine Nuance mehr, als
allein Liebe oder Leidenschaft es könnten, auch wenn die drei sich sehr nahestehen. Sie bringt uns an den Rand
von dem, was wir selbst sein können.
Und in einer Kultur, die auf Kontrolle fixiert ist, lädt Sehnsucht uns ein, innezuhalten, das Fehlende zu spüren
und das Präsente, das Geschenk, anzunehmen.
Text: Elisa Mosch
REHBEIN Galerie (Köln)